Wie erleben Mitarbeitende Inklusion bei Fraunhofer?

Fraunhofer ist davon überzeugt, dass Vielfalt und Inklusion von Menschen mit Behinderungen in Wissenschaft und Forschung ein wichtiges Thema sind, das mehr öffentliche Sichtbarkeit verdient. Aus diesem Grund möchten wir ausgewählte Erwerbsbiografien von Fraunhofer-Mitarbeitenden mit Behinderungen, die Innovation, Forschung und Verwaltung bei uns vorantreiben, vorstellen.

Inklusion beginnt damit, zu erkennen, wann und wo Menschen Inklusion, aber auch Exklusion erfahren. Deshalb haben wir Mitarbeitende zu ihren eigenen Erfahrungen mit Inklusion und Exklusion befragt. Hier finden Sie drei persönliche Interviews, die im Rahmen unserer Initiative Inklusion unter dem Motto »Vielfalt leben. Wissenschaft stärken.« im Jahr 2023 geführt wurden.

Ziel der Initiative ist es, Entwicklungspotenziale und strategische Maßnahmen zur Förderung von nachhaltiger Inklusion in der Wissenschaft zu identifizieren und abzuleiten. Die Kernbausteine umfassen neben Beiträgen auf Social Media einen internen Strategieworkshop zur Beleuchtung notwendiger strategischer Maßnahmen zur Förderung von Inklusion und ein Karriereevent, in dem wir über Karrieremöglichkeiten für Talente mit Behinderung in unseren Organisationen informieren sowie Kontakt zu Role Models aus Wissenschaft, Verwaltung und Technik herstellen.

Was ist Inklusion? Drei persönliche Antworten

Manuela Rosenstein

Projektmanagerin in der Abteilung Integriertes Projektmanagement am Fraunhofer-Institutszentrum Birlinghoven in Sankt Augustin

 

 

»Inklusion als
Selbstverständlichkeit.«

Interview mit Fraunhofer Role Model Manuela Rosenstein

Fraunhofer-Gesellschaft: Liebe Manuela, erzähl uns doch ein wenig von deinem bisherigen Werdegang und deinem Einstieg bei Fraunhofer: Wie kamst du zu deiner jetzigen Stelle? Was waren für dich wichtige Entscheidungen in deiner beruflichen Karriere?

Manuela: Gleich nach meinem Schulabschluss habe ich eine Berufsausbildung zur Kauffrau für Büromanagement bei der Fraunhofer-Gesellschaft am Institutszentrum Birlinghoven begonnen. Von Anfang an haben mich die Themenvielfalt und die Unternehmenskultur begeistert, durch die sich mein Arbeitsalltag bis heute abwechslungsreich und spannend gestaltet. Auch meiner Karriere bei Fraunhofer kommt dieses förderliche Umfeld zugute. Das an die Ausbildung anschließende Berufserfahrungsjahr habe ich in der Personalabteilung absolviert. Meine heutige Stelle als Projektmanagerin in der Abteilung »Integriertes Projektmanagement« war damals vakant. Ich bewarb mich direkt und erhielt schließlich eine Zusage. Mein Arbeitsalltag im Projektmanagement ist durch die vielen unterschiedlichen und sich stetig wandelnden Themen sehr abwechslungsreich. Dass man dabei auch Einblicke in die Wissenschaft selbst erhält, finde ich sehr spannend. Die Bearbeitung der Projekte in enger Zusammenarbeit mit unseren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bzw. unseren Instituten ist ein sehr breitgefächertes Tätigkeitsfeld, das mich bis heute sehr reizt.

Fraunhofer-Gesellschaft: Thema Inklusion. Vor welchen Herausforderungen standest du bereits im Arbeitsalltag und wie bist du damit umgegangen?

Manuela: Die Herausforderungen, die ich in meinem Arbeitsalltag zu meistern habe, unterscheiden sich eigentlich nicht von denen anderer Kolleginnen und Kollegen. Meine »Behinderung« hat jedenfalls zu keinem Zeitpunkt besondere Herausforderungen mit sich gebracht. Ich habe das Glück, dass mein von Geburt an fehlender rechter Unterarm im Alltag keine Beeinträchtigung darstellt und somit auch keine negativen Auswirkungen auf meine Arbeit hat.

Fraunhofer-Gesellschaft: Was ist das Besondere an deiner Tätigkeit für Fraunhofer? Woran merkst du, dass Inklusion bei euch am Institut wirklich gelebt wird?

Manuela: Voraussetzung für echte Inklusion ist für mich Teamwork. Hier ist jede/r Einzelne gefragt. Oft sind es gerade vermeintliche Kleinigkeiten, die zeigen, dass Inklusion tatsächlich gelebt wird. Inklusion sollte dabei nicht als »politische Verpflichtung«, sondern viel mehr als Selbstverständlichkeit erachtet werden.

Da Menschen in den allermeisten Fällen erst im Laufe ihres Lebens von Behinderungen ereilt werden, diese also meist nicht von Geburt an vorliegen, ist eine Schwerbehindertenvertretung, wie wir sie hier bei Fraunhofer haben, ein wichtiges Amt, wenn es darum geht, Unterstützung zu leisten und einen regen Informationsaustausch zu gewährleisten. Dieses Amt wird, soweit ich das beurteilen kann, durch Fraunhofer umfassend gefördert und vertritt die Interessen schwerbehinderter Beschäftigter.

Fraunhofer-Gesellschaft: Welche Unterstützung hast du im Rahmen deiner Tätigkeit für Fraunhofer erfahren? Wie wird bei dir am Institut dafür gesorgt, dass du optimale Arbeitsbedingungen vorfindest?

Manuela: Ich benötige lediglich eine Tastatur mit flexiblem Nummernblock. Spezielle Anforderungen habe ich also eigentlich kaum. Wäre ich darüber hinaus auf weitere Unterstützung angewiesen, um meinen beruflichen Alltag bewältigen zu können, würde ich hier am Institut aber mit Sicherheit alles dafür Nötige erhalten.

Fraunhofer-Gesellschaft: Welche Veränderungen würdest du dir wünschen, damit Menschen mit Behinderungen in der Wissenschaft mehr Teilhabe ermöglicht wird?

Manuela: Da ich selbst in der Verwaltung tätig bin, kenne ich die Herausforderungen, vor denen Menschen mit Behinderungen in der Wissenschaft stehen, nicht im Detail. Ich hoffe, dass die Schwerbehindertenvertretungen ausreichend einbezogen werden und dass jedem Menschen mit Einschränkungen Gehör geschenkt wird. Wünschenswert wäre dabei auch, dass ein ggf. etwas höherer Arbeitsaufwand in Kauf genommen wird.

Fraunhofer-Gesellschaft: Welche Tipps möchtest du anderen Menschen mit Behinderungen, die eine Tätigkeit in einer Forschungsorganisation anstreben, mit auf den Weg geben?

Manuela: Glaub an dich, trau dich und pack’s an!

Dr. Marcus John

Gruppenleiter KATI Lab (kurz für Knowledge Analytics for Technology & Innovation) und Schwerbehindertenvertreter am Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen INT in Euskirchen

»Inklusion setzt gegenseitige Rücksichtnahme und Verständnis zwischen behinderten und nicht-behinderten Kolleginnen und Kollegen voraus. Nur so kann sie gelingen!«

Interview mit Fraunhofer Role Model Marcus John

Erzähl uns doch ein wenig von deinem bisherigen Werdegang und deinem Einstieg bei Fraunhofer: Wie kamst du zu deiner jetzigen Stelle? Was waren für dich wichtige Entscheidungen in deiner beruflichen Karriere?

Marcus: Nach meiner Promotion in theoretischer Astrophysik und zwei Jahren am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft war ich auf der Suche nach einer Tätigkeit, bei der die anwendungsorientierte Forschung im Vordergrund steht und man sich mehr mit den Metafragen der Wissenschaft befasst. Durch die Unterstützung der ZAV (Arbeitgeberservice für schwerbehinderte Akademikerinnen und Akademiker) fand ich eine Stelle im Bereich der technologieorientierten Zukunftsforschung am Fraunhofer INT, was für mich ein völlig neues Arbeitsfeld war. Ich wurde 2007 eingestellt und bin nun seit 16 Jahren dort tätig. Die wichtigste Entscheidung in meiner Berufslaufbahn war das Studium der Astrophysik, das mir analytische Fähigkeiten und interdisziplinäre Ansätze vermittelt hat. Die Vielseitigkeit und Offenheit der Astrophysik, die Kompetenzen in verschiedenen Bereichen erfordert, prägt noch heute meine Arbeitsweise.

Vor welchen Herausforderungen standest du bereits im Arbeitsalltag und wie bist du damit umgegangen?

Marcus: Als ertaubte Person, die seit 2006 bzw. 2008 ein Cochlea-Implantat (CI) trägt, ist meine größte Herausforderung die Kommunikation. Oft muss ich erklären, dass ich zwar vieles mit dem CI verstehe, aber eben doch nicht alles und dass die Technik auch ihre Grenzen hat, z. B. in lauten Umgebungen. Eine weitere Hürde besteht darin, dass ich immer wieder klarstellen muss, dass Schwerhörigkeit nicht mit intellektuellen Einschränkungen einhergeht. Es ist wichtig zwischen »nicht hören können« und »nicht verstehen können« zu unterscheiden – eine Unterscheidung, die in unserer Kultur und besonders in der deutschen Sprache oft nicht erfolgt.

Was ist das Besondere an deiner Tätigkeit für Fraunhofer?

Marcus: Zum einen die Menschen. Die Kolleginnen und Kollegen am Fraunhofer INT und bei Fraunhofer faszinieren mich mit ihrem Wissen, ihrer Intelligenz und ihrer Innovationsfreudigkeit. Zum anderen das Aufgabenfeld. Die Arbeit vereint kundenorientierte Aufgaben mit wissenschaftlicher Praxis und erfordert die ständige Anpassung an aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen. Die richtige Balance zu finden, ist eine anspruchsvolle, aber auch reizvolle Aufgabe. Es freut mich zu sehen, wie unsere Arbeit die Gesellschaft positiv beeinflusst und Veränderungen bewirkt.

Woran merkst du, dass Inklusion bei euch am Institut wirklich gelebt wird?

Marcus: Kleine Gesten, z. B., dass der für mich optimale Sitzplatz freigehalten wird, sind bei uns am Institut selbstverständlich. Diese Automatismen zeigen mir, dass Behinderung im Alltag keine Rolle spielt und Inklusion in unserem Team gelebt wird. Trotzdem funktioniert Inklusion nicht immer und überall. In meinem Team jedoch nehmen meine Kolleginnen und Kollegen manchmal schon gar nicht mehr wahr, dass ich hörbehindert bin, weil die Kommunikation einfach funktioniert.

Welche Unterstützung hast du im Rahmen deiner Tätigkeit für Fraunhofer erfahren? Wie wird bei dir am Institut dafür gesorgt, dass du optimale Arbeitsbedingungen vorfindest?

Marcus: Neben dem bereits genannten »optimalen Platz« achten meine Kolleginnen und Kollegen darauf, dass nicht alle gleichzeitig sprechen. Ein wichtiges Hilfsmittel in virtuellen Meetings ist ein Bluetooth-Gerät (Telefon-Mic), das Signale vom Rechner direkt an meine Soundprozessoren sendet. Das Institut hat mir dieses essenzielle Gerät bereitgestellt, was Gespräche via Microsoft Teams sehr erleichtert. Generell sind meine Anforderungen bescheiden, was vielleicht ein kleiner Vorteil ist; z. B. benötige ich keine Rampen.

Welche Veränderungen würdest du dir wünschen, damit Menschen mit Behinderungen in der Wissenschaft mehr Teilhabe ermöglicht wird?

Marcus: Ein erster Schritt ist es, Bewusstsein zu schaffen für die speziellen Herausforderungen von Menschen mit Behinderungen in wissenschaftlichen Tätigkeitsfeldern, beginnend an den Universitäten. Es fehlt häufig an angemessenen Vorkehrungen bzw. an einer Kultur des Möglichmachens, z. B. durch einen verbesserten Zugang für Menschen mit Höreinschränkungen zu Gebärdensprach- und Schriftdolmetschenden in den Vorlesungen, wie es etwa in den USA üblich ist. Kreative Lösungen wie spezielle Gebärden für Fachbegriffe sind ebenfalls hilfreich. Inklusion schafft einen Mehrwert für das ganze Wissenschaftssystem und das gesamte Team durch neue Perspektiven und verbesserte Zusammenarbeit.

Welche Tipps möchtest du anderen Menschen mit Behinderungen, die eine Tätigkeit in einer Forschungsorganisation anstreben, mit auf den Weg geben?

Marcus: Es sind eigentlich drei Tipps, die ich geben kann:

  1. Nicht aufgeben, denn die Freude an der Wissenschaft ist es wert.
  2. Offen und ehrlich über die eigene Behinderung und die eigenen Bedürfnisse kommunizieren, ohne diese zu verbergen oder herunterzuspielen.
  3. Die Vernetzung mit anderen schwerbehinderten Akademikerinnen und Akademikern suchen und sich gegenseitig unterstützen, sei es durch Empowerment, Tipps oder den Austausch über gemeinsame Herausforderungen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Diversität, sei es durch Behinderungen, Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit, einen echten Mehrwert darstellt. Diversität ist essenziell für Innovation und die Entwicklung neuer Ideen.

Kristin Dessau

Personalreferentin am Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS in Berlin

»Im Grunde steht und fällt alles damit, dass man sich in sein Gegenüber hineinversetzt und jeden so behandelt wie man selbst auch behandelt werden möchte.«

Interview mit Fraunhofer Role Model Kristin Dessau

Erzähl uns doch ein wenig von deinem bisherigen Werdegang und deinem Einstieg bei Fraunhofer: Wie kamst du zu deiner jetzigen Stelle? Was waren für dich wichtige Entscheidungen in deiner beruflichen Karriere?

Kristin: Von 2000 bis 2003 habe ich eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation absolviert, in deren Anschluss ich bis zum Beginn meines Studiums der Wirtschaftswissenschaften am Fraunhofer FOKUS angestellt war. Nach dem Studium habe ich im Controlling gearbeitet, bevor mich 2018 meine Karriere in den Personalbereich am Fraunhofer FOKUS führte. Besonders die Entscheidung für das Studium hat meinen Werdegang geprägt.

Vor welchen Herausforderungen standest du bereits im Arbeitsalltag und wie bist du damit umgegangen?

Kristin: In meiner beruflichen Laufbahn hatte ich es glücklicherweise mit keinen bedeutenden Hindernissen zu tun, die mich auf meinem Karriereweg hätten ausbremsen können.

Was ist das Besondere an deiner Tätigkeit für Fraunhofer? Woran merkst du, dass Inklusion bei euch am Institut wirklich gelebt wird?

Kristin: Bei uns am Institut ist Anderssein gar kein Thema. Hier ist Inklusion vor allem im zwischenmenschlichen Bereich Alltag und daher selbstverständlich. Die gelebte Inklusion zeigt sich auch an kleinen, aber bedeutsamen Details wie der barrierefreien Gestaltung der Tiefgarage und Fahrstühlen, wodurch meine Bedürfnisse optimal berücksichtigt werden.

Welche Unterstützung hast du im Rahmen deiner Tätigkeit für Fraunhofer erfahren? Wie wird bei dir am Institut dafür gesorgt, dass du optimale Arbeitsbedingungen vorfindest?

Kristin: Die Schwerbehindertenvertretung und mein Vorgesetzter sind mir immer hilfreich zur Seite gestanden, z. B. beim Antrag auf Gleichstellung. Um meinen Arbeitsalltag meistern zu können, benötige ich ansonsten keine speziellen Hilfsmittel.

Welche Veränderungen würdest du dir wünschen, damit Menschen mit Behinderungen in der Wissenschaft mehr Teilhabe ermöglicht wird?

Kristin: Menschen mit Einschränkungen sollten mutiger werden, wenn es darum geht, ihre Fähigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt einzubringen. Durch die Fokussierung auf individuelle Stärken und Kenntnisse fördern wir ein inklusives Arbeitsumfeld. Für eine solche Ermutigung sollten wir sorgen.

Welche Tipps möchtest du anderen Menschen mit Behinderungen, die eine Tätigkeit in einer Forschungsorganisation anstreben, mit auf den Weg geben?

Kristin: Konzentriert euch auf das, was ihr gut könnt, und nicht auf die Einschränkungen. Die Mitarbeitenden bei Fraunhofer sind sehr offen und hilfsbereit!